Der Musikbunker wird 25 Jahre alt. Ein Rück- und Ausblick.

Von Christina Rinkens

Bunkerkonzerte sind auserlesen und szenig. Bunkerproben sind schöpferisch und kollektiv. Bunkernächte sind lang und schwitzig. Seit 25 Jahren ist der Musikbunker in der Goffartstraße ein wichtiges Puzzleteil in der immer brüchiger werdenden Aachener Subkultur.

1992. Da war eine Menge los in Aachen. Ein Erdbeben erschütterte die Stadt, die Tour de France radelte einmal durch. Als letztes Aachener „Nachtlokal“ schloss die Bastei, Radio Aachen ging auf Sendung. Mehr oder weniger bewegende Ereignisse. Eines aber bewegt bis heute, und zwar die Füße, Köpfe und Hintern der Stadt: 1992, da übernahm der Musikbunker Aachen e.V. den Bunker in der Goffartstraße. Eine Entscheidung, die vor allem aus wirtschaftlichen Gründen getroffen wurde.

Bereits 1987 hatte die Stadt Aachen den Bunker – wie auch die Bunker in der Zeppelinstraße und der Junkerstraße – zu Proberäumen umgebaut, während diese weiterhin im Besitz des Bundesvermögensamtes blieben. Die Grundidee der Stadt: Die dicken Mauern der Bunker sollten fortan die Musik schützen. Daran hielt auch der zukünftig betreibende Verein fest. Mehrere hundert Personen, vor allem Mieter der Proberäume, hatten ihn gegründet. Ihr Ziel für den Musikbunker also: Musik schützen. Sie und ihre Macher fördern und fordern. Ein Grundgedanke, der bis heute erhalten geblieben ist. Spricht man mit den Verantwortlichen des Vereins, allen voran Lars Templin, seit 2008 Geschäftsführer des Vereins, ist an der Motivation nicht zu zweifeln. „Wir machen die Arbeit aus Liebe zur Musik. Das bedeutet, dass man tolle Konzerte zu sehen kriegt und auch die Musiker dahinter kennenlernt. Das sind in der großen Mehrheit sehr angenehme Menschen.“

Geschichtsträchtig
Bei dem Bunker in der Goffartstraße handelt es sich um einen Hochbunker. Er wurde 1941, während des Zweiten Weltkriegs zum Schutz vor Bombenangriffen gebaut. Jüdischen Bürgern oder Zwangsarbeitern aus Osteuropa war der Zutritt verwehrt. Trotz zahlreicher und mehrfacher Nutzungsänderungen und Umbauten lassen sich noch heute die typischen Spuren seiner Vergangenheit erkennen. Bunker bleibt Bunker.

Wie bekannt, wurde Aachen als erste deutsche Großstadt schon am 21. Oktober 1944 vom Naziterror befreit. Die Luftschutzbunker waren sofort nach dem Eintreffen der Amerikaner geräumt worden. In der Nachkriegszeit wurden sie Notunterkünfte und Wohnheime für die zurückkehrende Bevölkerung. Der Bunker in der Goffartstraße wurde bis mindestens 1956 so genutzt. Anschließend stand das Gebäude lange leer, wurde teilweise als Lagerraum genutzt. Ehe 1987 unter städtischer Federführung der Umbau zum Musikbunker erfolgte. Bis die Stadt Aachen den Bunker im Juli 2017 kaufte, verblieb er die gesamte Zeit über im Besitz des Bundesvermögensamtes. Seit 1992, also seit 25 Jahren, hat der Musikbunker Aachen e.V. die Nutzungsrechte.

Stapelungen und Symbiosen
Proberäume im Musikbunker sind begehrt. Vollbelegt, gibt es in den meisten Fällen „Stapelungen im Proberaum“. Bedeutet: Doppel- und Dreifachbelegungen sind die Regel. „Wir unterstützen nicht, wenn eine Band einen Raum komplett für sich haben möchte, auch wenn manche dafür gerne mehr zahlen würden.“ Natürlich gebe es Ausnahmen. Der Verein fördert die Mitglieder – und die Zusammenarbeit untereinander. Aber er fordert auch.

„Wenn nicht viel in einem Proberaum passiert, wird nachgefragt, weshalb nicht.“ Als Richtwert dafür dienen natürlich nicht die Anzahl der Konzerte, ein „anständiger Batzen“ betreibe die Musik als privates Vergnügen. Aber bewegen soll sich dennoch was. Für Konzerte stehen die beiden Veranstaltungsräume des Musikbunkers zur Verfügung – der große Raum und die kleinere Kneipe. Konzerte mit wenigen Besuchern kämen natürlich immer mal wieder vor. Aber Templin meint: „Auch ein Konzert mit wenigen Besuchern ist in Ordnung, dann hat es halt einen privaten Charakter.“

Bereits der erste Vereinsvorsitzende, Friedel Gersmann, hatte kurz nach 1992 aber auch dafür gesorgt, dass der Musikbunker immer wieder mit großen Namen aufwarten kann. Mit Konzerten, die man normalerweise nicht in einer kleinen Großstadt wie Aachen erwarten würde. Doch die Größe des Namens spielt bis heute eine untergeordnete Rolle. Wenn der Act musikalisch nicht interessant wäre, würde er das „Qualitätsmanagement“ im Vereinsbüro nicht überstehen. „Nur wenn wir sagen, dass wir uns das selber anhören würden, wird gebucht.“ Eine Denkweise, die wiederum Qualität fördert, aber auch seine Konsequenzen fordert. Wirtschaftliche nämlich. Dass der Musikbunker auch Konzerte veranstaltet, die alleine nicht „tragfähig“ für das ganze Konstrukt wären, ist kein Geheimnis. Doch Templin sieht es anders: „In Aachen gibt es viele Leute, die auf Qualität statt Mainstream achten.“

Trotzdem müssen die Finanzen stimmen. Dafür braucht es die späten Veranstaltungen. Die Clubnächte, wie sie Templin nennt. Auch bei den Nachtveranstaltungen im Musikbunker wird immer darauf geachtet, dass ein künstlerischer Anspruch vorhanden ist. Wer hier auflegt, der drückt nicht einfach auf Play. Bunkerkonzerte, Bunkerproben und Bunkernächte ergeben zusammen eine Symbiose, die das Konstrukt überlebensfähig macht. Und die alle ihre Berechtigung haben. „Sonst geht man früher oder später in den Museums­charakter über.“

Gemengelage
Dicke Bunkermauern können schützen. Aber nicht vor allem. Seit Jahren ist bekannt, dass es rund um den Musikbunker immer wieder zu Beschwerden wegen Lärmstörungen kommt. Die dicken Mauern lassen zwar keine Schall­emission von innen nach außen zu, was sich jedoch vor dem Musikbunker abspielt, kann zu Lärmbelästigungen führen. Dazu zählt auch das an- und abströmende Publikum. Das aber nicht von den zahlreichen Personen, die die Grünfläche des Frankenberger Parks nutzen, zu unterscheiden ist. Ein wichtiger Punkt. Wer einmal einen Aachener Park – und das gilt für alle der wenig vorhandenen – bei gutem Wetter besucht hat, weiß, wie laut es dort werden kann. Dass dort gerne mit „Fass und Tisch“ aufgeschlagen wird, wie auch Lars Templin schon oft festgestellt hat. Abends und nachts hört man Gesänge, auch die hygienische Situation lässt vielmals zu wünschen übrig. Verständnis für aufgebrachte Anwohner gibt es.

Auch vonseiten des Musikbunkers. ­Allerdings ist der Park Allgemeinraum, und der Musikbunker kann nicht mehr machen, als die Besucher um Ruhe zu bitten. Dass der Musikbunker sein 25-jähriges Bestehen feiern kann, war aus diesen Gründen nicht immer selbstverständlich. 2013 klagte eine Nachbarin aus der Rehmannstraße. Der Fall ging vor das Verwaltungsgericht Aachen, später vor das Oberlandesgericht Münster. Abgeschlossen ist er immer noch nicht. Immer neue Auflagen sollen den Erhalt ermöglichen.

Um die Existenz muss man sich keine Sorgen machen. Um diese zu sichern, hat die Stadt den Bunker Ende Juli gekauft. In ihrem eigenen Interesse und im Interesse der Kulturszene Aachens ist sie im Zugzwang, langfristige Lösungen zu finden, die eine gesetzeskonforme Nutzung möglich machen. Geschäftsführer Lars ­Templin ist zuversichtlich: „Es wird dran gearbeitet.“ Sei es durch eine Verlagerung des Eingangs oder eine Lärmschutzwand. Für Templin und den Musikbunker Aachen e.V. ist die Situation fordernd, aber die Haltung klar: „Für mich gibt es nicht die Frage, ob es den Bunker geben sollte. Nur wie es ihn geben kann.“

Eine Lösung zur Zufriedenheit aller Konfliktparteien, deren Interessen grundlegend gegensätzlich sind, wird es nicht geben. „Aber man kann miteinander auskommen“, so Templin. „Es gibt viele Leute, die den Bunker als das schätzen, was er ist. Man kann nicht verstehen, was da passiert, wenn man nicht dabei ist. Was Musik in einem kleinen Club vollbringen kann – das hat was anarchisches.“  \