Endlich ist die Barockfabrik wieder voll belegt. Seit Anfang des Jahres ist hier auch die Theaterschule Aachen untergebracht. Und mit ihr rund 20 Schüler, die den Beruf des Schauspielers erlernen wollen.

Von Kira Wirtz

Die Theaterschule Aachen bildet im Rahmen einer dreijährigen Vollzeitausbildung seit 1999 zum Schauspieler aus. Optional besteht die Möglichkeit das Fach Regie oder Musical zu belegen und zusätzlich auch den Abschluss Regie oder Musicaldarsteller zu erlangen. Schulleiterin Ingeborg Meyer stellt ihre kleine Großfamilie aus der ­Barockfabrik vor.

Momentan entscheiden sich die meisten Schüler für eine Zusatzausbildung in Richtung Regisseur. „Den Musical-Bereich wählen weniger Kandidaten,“ weiß Meyer aus langjähriger Erfahrung. Woran das liegt? Die Antwort klingt hart, aber wahr: „Wer sich fürs Musical entscheidet, braucht noch mehr Traute!“

Die bafögberechtigte Ausbildung, die alle Schüler erhalten, beruht unter anderem auf den anerkannten Methoden von Stanislawski, Strasberg und Brecht. Sie schließt bei bestandener Abschlussprüfung mit der Bühnenreife ab. Diese berechtigt zum Vorsprechen bei der ZAV (Zentrale Auslands- und Fachvermittlung). Durch die Aufnahme in dieses Register können die Absolventen und Absolventinnen als professionelle Schauspieler zum Vorsprechen bei Theater und Film von der Bundesagentur für Arbeit vermittelt werden.

Vor Ort
Rund 20 Studis sind zurzeit in der Theaterschule Aachen. Hier bekommen sie alles beigebracht, was sie für einen Beruf als Schauspieler, Regisseur oder Musicaldarsteller brauchen.

Schulleiterin Ingeborg Meyer ist stolz auf ihre Absolventen. „Viele unserer ehemaligen Schüler sind unter Vertrag. Manche hier in der Gegend, andere weiter weg.“ Nach ihrer Abschlussarbeit fahren alle nach Köln, um bei einer Agentur der ZAV vorzusprechen und in die Kartei aufgenommen zu werden. Drei unterschiedliche Monologe müssen vorgetragen werden, die Meyer persönlich mit ihnen ausarbeitet. Auch zum eigentlichen Aufnahmetest fährt sie mit, beobachtet ihre Schützlinge und hat dabei genau so ein starkes Herzklopfen, wie bei einem eigenen Spiel. Ingeborg Meyer hat die Schulleitung seit Sommer 2011 inne.

Seitdem ist viel passiert. Erst der Umzug aus der Theaterstraße in eine kurze Übergangssituation, dann in die Barockfabrik. „Ich bin der Stadt unendlich dankbar dafür, dass wir diese Räume hier nutzen können.“ Und auch sonst hat sich die Theaterschule in den letzten Jahren aus ihrem Versteck herausgelöst: Projekte in der JVA, Kooperationen mit Schulen, wo die Schauspielschüler lernen zu lehren, Lesungen zum Weltfrauentag, Theater für Hörgeschädigte. Dazu kommt noch ein Theaterclub mit drei unterschiedlichen Altersklassen und Schauspiel-Workshops.

Aufnahme
Gerade laufen wieder Aufnahmeprüfungen. Einen regelrechten Ansturm wie an den Unis gibt es allerdings nicht. An der Folkwang in Essen bewerben sich pro Semester 800 Studenten auf zehn Plätze. In Berlin werden zwar immerhin 20 Studenten pro Jahrgang gesucht, aber auch hier ist es unwahrscheinlich einen solchen Studienplatz zu bekommen. An den Schulen bewerben sich zu 70 Prozent Frauen und generell wesentlich weniger Bewerber, als an den Unis.

Das liegt vor allem daran, dass Theaterschulen, auch anerkannte wie die in Aachen,  immer noch mit einem etwas schlechteren Ruf zu kämpfen haben. Zum einen, weil der Abschluss an einer staatlichen Schule und mit einem Diplomabschluss in vielen Augen mehr zählt, zum anderen, weil man hier für seine Bildung zahlen muss. 400 Euro pro Monat beträgt die Schulgebühr. Klingt erst mal hoch. Doch dadurch, dass nur wenige Schüler an der Schule sind, und ihnen dennoch ein breites Specktrum des Unterrichts zur Verfügung gestellt werden, muss das natürlich auch finanziert werden. Übrigens: Nur weil die Schule etwas kostet, heißt das nicht, dass jeder genommen wird. Ingeborg Meyer prüft jeden möglichen Kandidaten. Fakt ist außerdem: Ein Absolvent einer staatlichen Schule hat vielleicht mehr Chancen auf ein Vorsprechen als derjenige einer privaten Schule.

Im späteren Berufsleben zählt dann die Leistung auf der Bühne viel mehr als dieses Blatt Papier.

Regiewerkstatt
Thilo Metzger, Hannah Sophia Küpper und Diana Djamadi sind drei der diesjährigen Absolventen mit der Zusatzquali Regie. Die drei haben jeweils ein Stück ausgesucht, über Monate bearbeitet und werden diese in der Regiewerkstatt inszenieren. Und dank der vielen unterschiedlichen Gastdozenten hatten sie die Möglichkeit ihre Arbeit mit richtigen Profis zu besprechen und zu überarbeiten. Regisseur Christian von Treskow, der schon Stücke wie „“Warten auf Godot“, „Die Physiker“ oder „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“  am Theater Aachen inszenierte, nahm sich der Arbeit von Hannah und Thilo an. Meyer betont, wie wichtig es für die Nachwuchstalente ist, immer wieder Anregungen zu bekommen.

„Man kommt während so einer Arbeit oft an einen Punkt des Stillstandes. Da ist es wichtig, durch kleine Tipps den Fluß am Laufen zu halten.“ Thilo und Hannah werden einen Doppel-Theaterabend gestalten, bei dem erst Thilo „Unter Eis“ von Falk Richter und dann  Hannah „Das kalte Kind“ von Marius von Mayenburg zeigt. Beide Stücke werden durch die unerfüllten Sehnsüchte und Minderwertigkeit- und Ohnmachtsgefühle im Spiegel der aktuellen Gesellschaft  thematisch verbunden.  Zwei packende Stücke – Gesellschaftsanalysen – nicht prachtvoll und fein, sondern verstörend und leer mit abseitiger und abgründiger Unterhaltung.

Diana Djamadi ist mit ihren Aufführungen am  27. und 28. Mai im Space die letzte im Bunde, was sie allerdings nicht weiter beunruhigt. Sie hat sich als Abschlussarbeit ein Jugendstück ausgesucht. Und zwar kein geringeres als Mark Twains „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“. Um einem Besetzungskonflikt auszuweichen und das Stück etwas moderner zu machen, hat sie aus einer kleinen Rolle eines Jungen kurzerhand die eines kleinen Mädchens gemacht. Auch sonst wirkt Diana unbekümmert und sicher mit ihrer Arbeit. Sie allerdings möchte später, wenn es geht, als Schauspielerin arbeiten. Anders Hannah, die gerne etwas Richtung Theaterpädagogik machen würde. Thilo würde gerne den Beruf des Regisseurs ausüben. „Ich bin lieber Puppenspieler und lasse die Schauspieler agieren,“ lautet die präzise Antwort.

Die Drei sind genau wie ihre Stückauswahl vollkommen unterschiedlich. Einig sind sie sich allerdings in einem: Das hier ist die letzte Übung vor dem Eintritt in die Berufswelt und Professionalität ist wichtig! Also wird in jeder freien und vorgeschriebenen Minute geprobt. Und das, obwohl zeitgleich in allen anderen Fächern ebenfalls Abschlussprüfungen anstehen. Aber genau dieser Ehrgeiz und die Doppelbelastung gehören zum Job des Schauspielers eben dazu und müssen für das spätere Leben auch geprobt sein. Dazu zählen auch Schulfächer wie BWL, in denen erklärt wird, wie man sich als freier Schauspieler und Regisseur durch den deutschen Verwaltungswust kämpft, in die Künstlersozialkasse ein- und bei Verhandlungsgesprächen richtig auftritt. Nach den drei Jahren Ausbildung sind die Studis aber nicht nur in all diesen Dingen unterrichtet worden. Sie lernen auch fürs Leben. Die jungen Schüler werden von den älteren aufgenommen und akzeptiert, man hilft sich gegenseitig.

Ingeborg Meyer nennt die Schüler gerne: „Meine kleine Großfamilie.“ Dementsprechend schwer fällt es ihr, ihre Kinder nach drei Jahren in die weite Welt ziehen zu lassen. Doch sie kann mit Gewißheit sagen, dass die Schüler dann reif fürs Berufsleben sind und sie ihnen auch Respekt und Benehmen mit auf den Weg gegeben hat. Schließlich weiß sie, wie man auf und hinter der Bühne mit dem ganzen Team umzugehen hat. Wer sich für einen Beruf in der Theaterwelt entscheidet, wird sich zeigen. Ingeborg Meyer hat da eine einfache Antwort. „Wer gut ist, findet einen Job“.  \