Die jährliche Leserreise von Aachen nach Leipzig mit der Buchhandlung Backhaus lohnt.

Von Richard Mariaux

Es ist schon eine besondere Fahrt, die Martin Schwoll von der Buchhandlung Backhaus und sein Team bereits zum fünften Mal seit 2012 für interessierte Belletristik-Leserinnen und Leser nach Leipzig anbietet. Ein Bus wird gechartert, das Hotel für die drei Übernachtungen aufgrund der Nachfrage zur Buchmesse um Jahre im voraus gebucht. Außerdem im Programm: Eine mehrstündige Stadtführung/Stadtrundfahrt, zwei Mahlzeiten in ausgewählten Landgasthäusern oder bierbrauenden Klöstern auf der Hin- und Rückfahrt – und das Highlight schlechthin, die Leipziger Buchmesse; im Gegensatz zur geschäftigen Frankfurter, eine reine Publikumsmesse, für all jene, die das bundesdeutsche Buchverlagswesen mit ihren vielen Schmökerstunden, alleine oder in Literaturgruppen, so treu unterstützen.

40 Aachener, die Frauen deutlich in der Überzahl, haben sich auch in diesem Jahr wieder mit auf den Weg gemacht. Das Durchschnittsalter ist relativ hoch, vor oder hinter dem Renteneintrittsalter, die Backhaus-Klientel eher bürgerlich, sozial und politisch engagiert, zumindest interessiert, und ganz billig ist diese Fahrt unter dem Strich dann auch nicht.

Ein größerer Teil der Gruppe kennt sich bereits von vergangenen Fahrten. Großes Wiedersehen und Hallo vor der Abfahrt, die der bereits in der Vergangenheit gebuchte Kölner Busfahrer Heinz gut gelaunt im kölschen Singsang begleitet. Auf der Hinfahrt stellt Anke Beckmann, Leiterin der Filiale am Burtscheider Markt, dann alle sechs Kandidaten für den diesjährigen „Preis der Leipziger Buchmesse“ vor.

Die nominierten Bücher wandern durch die Reihen, es gibt Kaffee, belegte Brote oder Fläden, und bevor wir in Leipzig ankommen, erfahren wir über das Radio, dass die Suhrkamp-Autorin Esther Kinsky mit ihrer neuen Veröffentlichung „Hain. Geländeroman“ diesmal gewonnen hat.

Gelesen wird überall
Die Stadt Leipzig bietet während der vier Tage, von Donnerstag bis Sonntag, mehr als dreitausend ­Leseveranstaltungen an. Gelesen oder diskutiert wird auf der Messe, auf Lese-Inseln inmitten des hektischen Treibens, am Arte-Stand, beim ZDF, der taz oder FAZ.

Abends geht’s in Kneipen, Cafes, in die (Universitäts-)bibliothek, die Albertina – wo zum Beispiel Robert Menasse aus „Die Hauptstadt“ liest –,  in Grundschulen, in die Deutschen Nationalbibliothek uvm. Freitagabend hat die Backhausgruppe einen langen Tisch im schönen Wiener Art Deco-Café Grundmann reserviert. Praktisch, dass nach dem Essen die Autorin Julia Jessen, begleitet von ihrer Verlegerin Doris Kunstmann, aus ihrem neuen Roman „Architektur des Knotens“ liest. Da bleibt man einfach sitzen. Frau Kunstmann begrüßt in ihren einleitenden Worten dann auch die Gruppe aus Aachen, und findet persönlich „dies eine ganz, ganz tolle Sache“.

Engagiert und erfolgreich – Secession aus der Schweiz
Das IBIS Budget – während der Messe allerdings ohne Budgetpreise – liegt zentral um die Ecke von Markt und Altem Rathaus. Mit der Straßenbahn geht’s für alle direkt auf das Messegelände. Martin Schwoll verteilt vorab die nur täglich gültigen Eintrittskarten. Rund zwölf der Gruppe haben sich für eine Verlagsvorstellung am Stand von Secession eingefunden. Joachim Zepelin, einer der beiden Verleger, erklärt die engagierte Arbeitsweise des kleinen Schweizer Verlags. Angestellt ist nur noch ein Lektor. Gemeinsam machen die Drei alles: Die Übersetzungen aus dem Französischen oder Englischen, die Auswahl der Typografie und des Papiers, das Marketing, die alltäglichen Büroarbeiten.

Neben Steven Uhly („Adams Fuge“, „Glückskind“), für dessen erste Veröffentlichung der Verlag überhaupt gegründet wurde, hat man mit Deborah Feldman und der Geschichte ihrer Flucht aus der Gemeinde der orthodoxen chassidischen Satmarer Juden von New York nach Berlin („Unorthodox“, „Überbitten“) sowie der mit ihrem Buch „Losfahren“ weltweit Furore machende Manal al-Sharif aus Saudi-Arabien, zwei großartige Publikumserfolge. 2011 verhaftet, weil sie einen Film ins Internet gestellt hatte, der ihren Verstoß gegen das Fahrverbot für Frauen zeigte, hat al-Sharif für ihr Engagement für Frauenrechte zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Zepelin nimmt sich viel Zeit für die Gruppe, stellt en passant mit Stranislaw Strasburger einen neuen, gerade am Stand vorbeischauenden Autor des Verlags vor, der wie sich herausstellt, ein guter Freund des Aachener Schriftstellers Suleman Taufiq ist. Da Secession sich am Schweizer Gemeinschaftsstand mit einem Dutzend anderer Verlage präsentiert, wird die Gruppe nach knapp 40 Minuten unterbrochen und ein über das politische Europa dozierender Schweizer Autor fordert sein Vortragsrecht. Verlagsbesuche dieser Art fädelt Backhaus vorab ein.

So ist der Aufbruch vom Frühstück am Sonntagmorgen noch etwas hektisch, da um 10 Uhr der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch der Reisegruppe ein ähnliches Exklusivgespräch bietet. Ein gebundenes Exemplar der Böll’schen „Kriegstagebücher 43-45“ wird der Gruppe im Anschluss noch als Geschenk mitgegeben. Aber man kann auch an jedem Stand Bücher kaufen oder sich in die langen Schlangen zu den Signierstunden diverser Comic-, Krimi- und Bestseller-Autoren einreihen. In Messehalle 1 (der insgesamt fünf) tobt zeitgleich die „Manga-Comic-Convention“. Tausende Cosplayer setzen bunte und schrille Akzente in und zwischen den Hallen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln: Fantasien, die zumindest in ihren Rollenspielen grandios ausgelebt werden. Dagegen sind die – auch hier mehrheitlich nicht mehr ganz jungen – Messebesucher eher ein Meer an Grautönen.  \