Frank Schätzings neuer Roman Die ­Tyrannei des Schmetterlings“ verliert sich in einem komplexen Thema.

Frank Schätzing ist spätestens seit seinen Romanen „Der Schwarm“ – von dem er weltweit bisher 4,5 Millionen ­Exemplare verkauft hat – und dem Nachfolger ­“Limit“ ein Bestseller-Autor, der erfolgreich auf der Tastatur des Öko-, SciFi- und Wissenschaftskrimi spielt.

Zwischen seinen Veröffentlichungen liegen in der Regel rund fünf Jahre, Schätzing liegt zwischenzeitlich nicht auf der faulen Haut, sondern recherchiert akribisch das Wissensgebiet welches seinem Sujet dienlich sein soll.  So ist er auch für „Die Tyrannei des Schmetterlings“, seinem neuesten 730 Seiten starken Werk, mehrere Wochen durch Kalifornien gereist. Begleitet hat ihn sein Verleger Helge Malchow vom Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Interessante Begegnungen säumten ihren Weg.

Die Informatiker-Legende Jaron Lanier und der Paypal-Gründer und damals erste externe Facebook-Finanzier Peter Thiel als Risiko-Kapitalgeber sind nur zwei der bekannten Personen, die Schätzing für seine neue Geschichte – zusätzlich zu weiteren Besuchen bei Google oder der Singularity University, einem der einflussreichsten Think Tanks und Tech-Kaderschmieden, aufsuchte, um diese schwer fassbare Mentalität und Macht des Silicon Valley aufzuspüren. Der echte Sheriff vom kalifornischen Sierra ­County, unweit von Palo Alto und San Francisco, ist denn auch das Vorbild für Schätzings Hauptfigur in einer harmlos beginnenden SciFi-Story. Worum geht’s? Eine Frau, abgestürzt in einem Canyon, wird tot aufgefunden. Eine Spur führt die Hauptfigur des Romans, den Undersheriff (Hilfssheriff) Luther Opoku im Ort Downieville in den Wäldern der Sierra Nevada, in ein tief im Wald gelegenes, abgeriegeltes Forschungszentrum der Firma Nordvisk, die weltweit in allen Forschungsbereichen, die sich mit K.I. beschäftigen, die Nase vorn hat. Ihr Gründer, Elmar Nordvisk, hat einen selbstlernenden Supercomputer namens A.R.E.S. (Artfificial Research and Exploring Systems) geschaffen.

Opoku und seine Kollegin Ruth Underwood bewegen sich ab Seite 130 aus einem nicht unspannenden, aber eher konventionellen Kriminalroman hinaus. Schätzing lässt von da an keinen Stein mehr auf dem anderen, will alles und scheitert grandios. Opoku, der einer Verschwörung innerhalb des Unternehmens Nordvisk auf der Spur ist, gerät in dem Forschungszentrum in eine Parallelwelt, agiert plötzlich in einer um Stunden früheren Zeit. Ergebnis ist –  die Tote lebt, hält sich aber als Aufdeckerin der Verschwörung versteckt, und ihn gibt es durch den Eintritt in diese Parallelwelt plötzlich zweimal.

Das hat Auswirkungen auf sein Privatleben, seine durch einen Unfall gestorbene Frau lebt (in einer anderen Welt) wieder und auch die bösartigen Schöpfers illegaler und tödlicher K.I.-Monster trachten ihm sowie seinem Doppelgänger direkt mehrmals nach dem Leben. Opoku reist in Paralleluniversen, manche wie PU-453 sind Jahrzehnte voraus, auch der Visionär und Firmengründer Nordvisk erlebt hier sein desillusioniertes gealtertes „Alter Ego“, das seine weltverbessernden Pläne und Lösungen resigniert aufgegeben hat. Währenddessen hat der Supercomputer A.R.E.S. sein eigenes „Ich“ gefunden und ist „erwacht“. Die Folge ist seine  Zerstörung von PU-453 durch Insekten und Monster, die morphologisch und genetisch zu biokybernetischen Waffen mutiert sind. Schätzing verlässt der Mut (oder die Geduld), bei der Schilderung der vielen Nebenfiguren, die blass und konturlos bleiben.

Sind die Person Luther Opoku und seine Motivation noch ausführlich beschrieben, sind die Nebenfiguren, vor allem die Protagonisten der Wissenschaftseliten eindimensional. Darüber hinaus überschlagen sich auf den hundert Seiten die Ereignisse, die A.R.E.S., seine menschlichen Väter austricksend, vorantreibt.

Was bleibt ist ein wirrer und unbefriedigender Schluss. Unter dem Strich bleibt „Künstliche Intelligenz“ trotzdem ein gut gewähltes Thema. Denn K.I. gehört mittlerweile zu unserem Alltag, findet sich im Smart Home, in Suchmaschinen-Software und den vielen Bots, die Segen oder Plage sein können. Die Zukunft des „deep learning“ von neuronalen Netzen mag unweigerlich in näherer oder ferner Zukunft zum gefürchteten „Gespenst in der Maschine“ führen. Diese für die Menschheit schreckliche Konsequenz hat dieser Roman zum Thema.  \