Der bildungsbürgerliche Beißreflex des Feuilletons auf Takis Würgers Roman „Stella“.

von Luca Mariaux

Eines musste Takis Würger klar sein: Wenn er das NS-Thema anginge, würde es zumindest irgendeine Form der Kritik geben.

Denn hier kann man es niemals allen recht machen: Neben Opferverbänden, den letzten Zeitzeugen, den Erinnerungseinrichtungen schaut hier die gesamte Literaturöffentlichkeit hin, und zwar ganz genau.

Mit einem derart heftigen Gegenwind des Feuilletons hat er allerdings nicht gerechnet: Man wirft ihm eine „ornamentale Vernutzung der Toten“ (Süddeutsche Zeitung, 19.1.) und „Holocaust-Kitsch“ (Die Welt, 19.1.) vor. Gerrit Bartels stellt im Tagesspiegel sogar eine „Relativierung deutscher Schuld“ zur Diskussion.

Wie hat Würger die Kritiker so erregt? Er hat einen Liebesroman geschrieben, der im Berlin des Jahres 1942 spielt. Er hat den Protagonisten Friedrich sich in die historische Figur Stella Goldschlag verlieben lassen, eine Jüdin. Wer den Roman lesen will, sollte vorher darauf verzichten, sie zu googlen.

Mit der Charakterentwicklung der Geliebten entscheidet sich Würger dagegen, die Jüdin zum reinen Opferklischee verkommen zu lassen, er stellt die Geschehnisse und die Menschen also gerade in ihrer Komplexität dar. Auch die zwiespältige Figur des SS-Mannes von Appen, der Camembert und Jazz liebt, versucht sicherlich das gleiche, aber das ist okay. Nicht alle Nazis mochten Wagner und Sauerbraten.

Wenn Dirk Knipphals in der taz Würgers Roman mit dem Fall Relotius, mit Populismus und einfachen, gefälligen Geschichten in Verbindung bringt, ist das so grundfalsch, dass einen der zurückhaltende Umgang des Autors mit der Kritik verblüfft.

Ja, Takis Würger ist Spiegel-Redakteur. Und ja, die Geschichte des Claas Relotius sollte Redaktionen auch über Hamburg hinaus alarmieren und es ist zu befürchten, dass die Debatte allzu schnell wieder verstummt. Aber „Stella“ ist nunmal keine Reportage im Spiegel, die den Anspruch von Authentizität hat und diesen auch ganz offensiv vermarktet. Es ist eindeutig ein Roman, der auf der ersten Seite erklärt: „Teile dieser Geschichte sind wahr“.

Takis Würger ist ein Romantiker mit Hang zum Pathos, dessen Sprache keine sachliche ist. Es wäre falsch, eine solche nur des Themas wegen zu bemühen. Er hat sich nach eigener Angabe zwei Jahre lang mit den historischen Figuren auseinandergesetzt, in Archiven recherchiert und Zeitzeugen interviewt. Wie kann man ihm so leichtfertig Leichtfertigkeit vorwerfen?

In seinem Romandebüt „Der Club“ lässt er einen Eigenbrötler nach Cambridge ziehen, um ihn in der Welt elitärer Hinterzimmerclubs die toxische Form der Männlichkeit, die heutzutage sogar in Gillette-Werbefilmchen kritisiert wird, erleben zu lassen. Rape culture, Eliten. Aber mit „Stella“ macht er es sich leicht? In Zeiten, in denen ein Großteil der deutschen Schüler gefährliche Bildungslücken auch zum Nationalsozialismus hat, Zeitzeugen langsam weniger werden, sollte man jede Auseinandersetzung dieser Auseinandersetzung begrüßen: Auf 200 Seiten bringt Würger so viele schreckliche Details unter, so viele davon auch Fakten, dass man schlucken muss.

In der Schule wird der Holocaust in jedem zweiten Fach thematisiert, dabei aber so häufig in einer nicht greifbaren Absolutheit, die ihm genauso wenig wie jedem anderen historischen Prozess gerecht wird. Und eben scheinbar nicht die Beschäftigung von Schülerinnen und Schülern fördert.

Der Geschichtsunterricht, die KZ-Gedenkstätten, die Mahnmale sind unverzichtbar, aber auch gute Romane wie „Stella“ leisten Sensibilisierungsarbeit. Die Schilderung der unschuldigen Kindheit der Hauptfigur, der Gang des neutralen Schweizers nach Berlin, sein weltoffener Vater, den es nach Istanbul zieht – diese Passagen wirken tatsächlich etwas bemüht. Auch da die Schweiz an den deutschen Kriegskrediten eifrig mitverdient hat und 1942 die Grenze für der Rasse nach verfolgte Flüchtlinge geschlossen hat. Aber unecht wirkt die Figur Friedrichs in ihrem Hadern zwischen Interesse und Abscheu für den Nazi-Staat und dessen Menschen nie.

Die bemühte Sensibilität, die das Feuilleton hier an den Tag legt, würde man sich für tatsächliche kulturelle Entwicklungen, die der freiheitlichen Demokratie an die Substanz gehen, wünschen. So aber wirkt die Kritik nur wie der bildungsbürgerliche Beißreflex, der sie häufig ist.  \