Komisch und der Aktualität gerecht, inszeniert Ulrike Günther Thomas Deprycks Werk. „Der ­Reservist – Arbeiten im 21. Jahrhundert“ wird dramaturgisch begleitet von Gesa Lolling.

Der Besucher tritt in den Saal und wird zunächst mit einem Klischee der Arbeitslosigkeit konfrontiert – der Jogginghose. Grandios überzeugen Petya Alabozova, Thomas Hamm und Hannes Schumacher im schlichten Bühnenbild und Kostüm von Annika Lohmann als Verkörperung der Arbeitslosigkeit. „Haben Sie heute schon gearbeitet?“, fragen die drei Darsteller in die Runde der Zuschauer. Eine recht persönliche Frage. Nur vereinzelt gestehen die Besucher, dass sie heute nicht gearbeitet haben.

Was kann man ertragen?
In „Der Reservist“ lehnt sich ein Arbeitnehmer auf und rebelliert gegen ein System, das Menschen für wertlos einstuft und sie, unbeachtet ihrer Wünsche, in einen Beruf drängt, der sie unglücklich macht. Petya Alabozova, Thomas Hamm und Hannes Schumacher schaffen es auf großartige Weise, die alltäglichen Szenen vom Warten im Jobcenter, vom herumlungern auf der Couch oder das zur Kraftlosigkeit treibende Arbeiten irrwitzig und zugleich absolut verzweifelt darzustellen. Dabei liegt die Betonung auf „irr“, denn irr ist es tatsächlich, was einem in der Arbeitslosigkeit zugemutet werden kann. In musikalischer Zusammenarbeit mit Malcom Kemp spiegelt sich die hervorragende schauspielerische Leistung der Drei in ihrem Feingefühl für die jeweilige Situation wider.

In einen Moment kann die Stimme noch einem zaghaft verzweifelnden Flüstern gleichen, wenn mal wieder ein Brief vom Jobcenter eintrifft. Im anderen Moment bricht sie in grollender Wut heraus, wenn das gesellschaftliche System nicht verstehen möchte, dass man zur Reserve gehört. Reserve? Ein von Karl Marx eingeführter Begriff, der den einzelnen Arbeitslosen nicht als arbeitslos, sondern als verfügbare und vollwertige Arbeitskraft begreift, die darauf wartet, zum richtigen Zeitpunkt für die richtige Arbeit eingesetzt zu werden. Und in der Zwischenzeit? Was passiert in der Zeit, in der Firmen nicht mehr mit Arbeitslosigkeit drohen können, um Leistungen zu steigern und man trotzdem ausreichend abgesichert ist?

Was kann ich ertragen?
Unser gesellschaftliches System wird in Thomas Deprycks Werk, der seine Inspiration ebenfalls aus seinem Bekanntenkreis zog, neu überdacht. Karl Marx’ Konzept vom Reservisten wird durchgespielt und mögliche Szenarien werden offenbart. Der Besucher ertappt sich beim Hinterfragen seines eigenen Wertekatalogs und findet sich während des ganzen Stücks mitten im Geschehen wieder. Sei es bei der Aufzählung der monotonen Arbeit einzelner Berufe, oder dem dringenden Wunsch seiner Berufung und nicht seinem Beruf nachzugehen. „Der Reservist“ nimmt einen ein und zeigt auf, wieviel „Reservist“ in einem selber steckt.  \vb

2., 17.+22.6. „Der Reservist – Arbeiten im 21. Jahrhundert“
20 Uhr, Mörgens, Theater Aachen

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