Anlässlich des 150. Geburtstags von Maxim Gorki insziniert Annette Schmidt mit "Sechsundzwanzig und Eine" eine seiner Erzählungen im Tuchwerk.

Ein Kellerloch. Vergitterte und zugemauerte Fenster. Dreckig und kalt. Darin ein großer Tisch, an dem einmal sechsundzwanzig Männer saßen und Tag für Tag Kringel formten. In einem großen Topf hörte man das Wasser köcheln, im Ofen das Feuer knistern und der Schaber des Bäckers scharrte über den Stein. So erzählen die Männer, sei es damals in dem alten Keller gewesen.

„Wir bewegten mechanisch unsere Arme und Finger“, erklärt einer der damaligen Arbeiter, „Tag für Tag formten wir Kringel.“ „Wir waren lebende Maschinen“, ergänzt ein anderer. Es klingt grausam, doch genauso muss es für die Zwangsarbeiter in Russland gewesen sein. Als Zuschauer vergisst man schnell, dass es ein Theaterstück ist. Durch die lebendige Erzählung fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt, als sei man Zeuge dieser unmenschlichen Sklaverei.

Doch zwischen all der Ödnis hatten die Männer einen Lichtblick, nach dem sie sich jeden Tag sehnten: Tanja, ein Stubenmädchen aus der Goldstickerei der ersten Etage. Sie war 16, wunderschön mit langen braunen Haaren. Jeden Morgen kam sie in die Stube und grüßte die Männer mit „Guten Morgen, ihr Sträflinge!“.

Mit der Zeit wird sie zu einer Art Heiligenfigur für die Arbeiter. Bis eines Tages ein hübscher Soldat kam und den Männern ihre Sonne stahl. Das Theater K zeigt zum 150-jährigen Geburtstag des Revolutionärs und Schriftstellers Alexei Maximowitsch Peschkow, besser bekannt unter seinem Pseudonym Maxim Gorki, die Kurzgeschichte „Sechsundzwanzig und eine“. Die Erzählung kann als ein Stück Biografie des Autors gesehen werden. Nach dem frühen Tod seiner Eltern musste er sich selbst als Lumpensammler, Laufjunge und Bäckergeselle über Wasser halten.

Er ging nur drei Jahre zur Schule, wurde von seinem Großvater verprügelt und von der Universität abgelehnt. Maxim Gorki wurde zum ersten Schriftsteller des Proletariats. Der Charme des Tuchwerks und das einfache, aber sehr authentische Bühnenbild tragen zur richtigen Stimmung bei. Die Schauspieler (Jochen Deuticke, Jens-Peter Fiedler, Norman Nowotko und Anton Schieffer) wissen die Bühne zu nutzen und als Zuschauer kann man sich ihrer Erzählung kaum entziehen. Es ist ein schwieriger Akt, den das Team der Theater K herausragend gemeistert hat: Das Stück lebt nicht von einzelnen Figuren.

Sie stehen für alle ehemaligen Zwangsarbeiter der Bäckerei, vielleicht sogar ganz Russlands. Trotz dieses eigentlich unpersönlichen Stücks die Zuschauer so in den Bann zu ziehen, ist eine echte Leistung, die vom Publikum ohne Zweifel gewürdigt ­wurde.  \jah

1., 5., 6. +9.5.
„Sechsundzwanzig und Eine“
20 Uhr, Tuchwerk

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