Michael Helle inszeniert "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" auf der großen Bühne des Theater Aachen.

Da kommt sie hereinspaziert. Ganz Martha-like mit einem großen Auftritt. Exzentrisch bis ins Mark, wild tanzend bis zur Erschöpfung, begleitet von lauter Musik und grellem Scheinwerferlicht. Hinter ihr, halb im Schatten des Spot, steht George, ihr Mann. Steif und nicht amüsiert, eher überheblich pikiert, wippt er bei ihrer Vier-Minuten-Performance nicht mal mit dem großen Zeh.

Man ahnt bereits jetzt – das könnte Streit geben. Streit, bei dem einer ungezügelt und impulsiv seine Gefühle herausschreit und der andere eher durch zynische Kommentare und bissige Worte versucht, den anderen zu kränken. Denn das ist sie, die wohl berühmteste Eheschlacht der Theatergeschichte: Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, am Theater Aachen von Michael Helle inszeniert.

Die Rolle der Martha übernimmt eine großartige Katja Zinsmeister, die am Ende des Stücks mit roten Stressflecken, verweinten Augen und rauer Stimme auf einem Stuhl kauert. Zinsmeister gibt in den zweieinhalb Stunden wirklich alles, lacht, schreit, verführt, weint, lockt und resigniert.

Einen perfekten Partner findet sie in Jonas Eckert, der ihren Mann George mimt. Auch er nimmt sich nicht zurück, agiert erst ruhiger als sie, aber nicht minder treffend und treibt sie mit seinem Spiel immer weiter voran.

Die Story
Nach einer Party, auf der reichlich Alkohol geflossen sein muss, lädt Martha um zwei Uhr morgens noch ein junges Pärchen (Simon Rußig und Luana Bellinghausen) zu sich nach Hause ein. Natürlich ohne das vorher mit George abzusprechen. Die beiden, Nick und Süße – er am selben College angestellt wie George, sie Hausfrau, aber noch keine Mutter –, erscheinen, ebenfalls angetrunken, nach der ­Party im Haus von Martha und George und platzen direkt in einen handfesten Ehestreit. Doch statt schnell das Weite zu suchen, geraten sie immer tiefer in die privaten Verstrickungen und werden Teil des perfiden Spiels, das Martha und George miteinander spielen. Denn vom anfänglichen „Fick die Hausfrau“-Spiel, wird später auch „Gib‘s dem Gast“. Es wird laut und vulgär auf der Bühne. Fragt der irritierte Nick anfänglich noch: „Haben Sie eigentlich gar keinen Anstand?“, nimmt auch er bald kein Blatt mehr vor den Mund. Ausrufe wie „Du kotzt mich an“ über „Leck mich am Arsch“ bis zu „Halt’s Maul“, sind noch die harmlosesten.

Die Zuschauer sind begeistert, zur Pause hin gibt es bereits Applaus. Wird zu Beginn des Stücks noch oft lauthals gelacht, dämmert dem Betrachter nach der Pause zusehends, dass das hier böse enden könnte. Und als am Ende eine verstörte Martha und ein abgrundtief von Hass zerfressener George atemlos auf der Bühne zurückbleiben, ist es für einige Sekunden mucksmäuschenstill im Saal. Bis ein Applaus ausbricht, der lange nicht enden wollte. Bravo!  \kw

2., 13.+17.6.
„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“
19.30 Uhr, Bühne, Theater Aachen

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