Seit 90 Jahren ist die Familie Stürtz im Kino-Business. Heute führen Sebastian Stürtz und sein Bruder Moritz die Geschäfte.

In unserer Reihe FamilienBande besucht Klenkes-Autor Sebastian Dreher Aachener Familienunternehmen und lässt sich ihre Geschichten erzählen – von Erfolgen, Niederlagen, geheimen Wünschen und ihrem Stellenwert in der Stadt.  

Klar kenne ich viele Filme, sonst wäre ich wohl falsch in der Branche. Als wir klein waren, haben meine Eltern allerdings sehr darauf geachtet, dass wir nur Filme sehen, die auch für unser Alter geeignet sind. Ich erinnere mich auch noch an mein erstes Kinoerlebnis: „Die Schöne und das Biest“ von Disney. Ich habe vor Rührung bitterlich geweint – das war eine prägende Erfahrung. Heute komme ich gar nicht mehr so oft dazu, Filme zu schauen. Und wenn doch, dann achte ich sowieso nur darauf, ob alles gut läuft. Ist die Temperatur im Saal OK?

Sind die Schlangen an der Kasse zu lang? Wenn ich bei einem Kollegen im Kino bin, schaue ich auch eher danach, wie er den Betrieb führt…

Ich habe mit schätzungsweise zwölf Jahren angefangen, im Betrieb mitzuarbeiten. Manfred, der seit 50 Jahren bei uns ist, hat mich angeleitet. Irgendwann durfte ich dann erstmalig den Platzanweiser geben und Popcorn machen. Besonders kniffelig war es, die 35 Millimeter-Filmrollen einzulegen – das können heute von 155 Leuten nur ungefähr fünf Mitarbeiter. Ich habe die Technik mit 15 oder 16 Jahren gelernt. Bei Überlängefilmen wie „King Kong“ konnten die Rollen schon mal bis zu 45 Kilogramm wiegen. Die mussten auf die Spule in 1,50 Meter Höhe, das war echt Arbeit. Einmal ist mir eine Rolle abgerutscht – ich glaube, es war der zweite Teil von „Matrix“.

Vor 2012 – also vor der Digitalisierung – wurden die in sogenannten Akten angelieferten Filmteile noch mithilfe von Klebepresse und Spulentisch aneinandergeklebt. Beim Programmwechsel am Donnerstag mussten wir schon mal mit der Sackkarre über die Straße hoppeln – das musste man besonders aufpassen.

Die Arbeit im Kino hat mir immer viel Spaß gemacht. Bis auf einmal: Am Startwochenende von „Avatar“ – alles war perfekt, wir hatten die besten 3D-Projektoren am Start – ist das Kassensystem ausgefallen, Server-Störung. Irgendwie haben wir es mit Zettel, Stift und Rollenmarken geschafft, den Besucherandrang zu meistern. Diese zwei Tage haben mich wahrscheinlich ein Jahr meines Lebens gekostet.

Meine Familie betreibt seit mittlerweile 90 Jahren Lichtspielhäuser, meine Eltern haben aus den damals zwei Kinosälen 22 gemacht. Trotz der vielen Arbeit haben sie immer auf ein geregeltes Familienleben geachtet, ich habe unser Unternehmerleben nie als negativ betrachtet. Was mein Bruder und ich uns vorgenommen haben: In 20 Jahren immer noch 22 Kinosäle erfolgreich betreiben.  \