Eine Banane soll krumm sein. Eine Gurke nicht. Eine Banane, deren Krümmungsgrad nicht den EU-Normen entspricht, landet wahrscheinlich ebenso auf dem Müll wie ihre grüne Kollegin, die zu gebogen ist, um sich ordentlich stapeln zu lassen.

Von Silke Schneider

Solche Lebensmittel schaffen es nicht einmal bis in die Supermärkte. Aber selbst solche, die den Normen entsprechen – und meist geht es dabei mehr um die Optik als die – „inneren Werte“ – werden vielleicht niemals auf einem Teller liegen.

Ein paar Fakten: Während viele Menschen darum kämpfen, sich und ihre Familien ernähren zu können, werfen Supermärkte in der EU durchschnittlich 40 Kilo Essen weg – und das jeden Abend. Jedes Jahr wandern in Deutschland etwa 18 Millionen Tonnen Lebensmittel unverzehrt in den Müll. Umgerechnet bedeutet das: Auf einem Drittel unserer Felder und Äcker werden Lebensmittel angebaut, die später weggeworfen werden. Aber auch in Privathaushalten geht es weiter mit der Verschwendung: So werden beispielsweise in deutschen Küchen umgerechnet jährlich rund 230.000 Rinder in Form von Wurst- und Fleischwaren weg geworfen.

Diese Zahlen lassen die wenigsten kalt, aber was kann man konkret tun? Chris, Jessie und Thuy haben sich das auch gefragt – und Antworten gefunden. Jessie arbeitet im Pfannenzauber, Aachens veganem Kulturrestaurant, und engagiert sich ebenso wie Thuy fürs Foodsharing, Christian betreibt die Facebook-Seite „Aachen containert“.

Teilen statt wegwerfen
Die Foodsharing-Initiative entstand 2012 in Berlin und ist inzwischen zu einer internationalen Bewegung mit über 200.000 registrierten Teilnehmern geworden, die sich übers Internet vernetzen und informieren um Lebensmittel zu „retten“, die ansonsten von Privathaushalten oder Betrieben entsorgt würden. Thuy engagiert sich in Aachen als Foodsharing-Botschafterin, der Pfannenzauber ist gleichzeitig Infopoint, Lebensmittel-„Fairteiler“ und Treffpunkt. „Zu den Treffen am 15. jeden Monats kommen immer 30 bis 40 Leute“, erzählt Thuy, „registriert sind in Aachen um die 750 Foodsaver. Man kann über Facebook ganz unkompliziert angeben, was man abzugeben hat.“ Wenn man also nicht weiß, wohin mit all den Äpfeln aus dem Garten oder der viel zu üppigen Käseplatte der gestrigen Party – einfach anbieten und abwarten, wer es gebrauchen kann. Außerdem gibt es zahlreiche Verteilstellen, die „Fairteiler“, meist in geschützten Innenräumen, wo sich jeder bedienen kann.

„Die Stadt unterstützt uns inzwischen, da geht es allerdings sehr bürokratisch zu“, so Thuy „und es machen auch einige Firmen mit, etwa Basic, Kaufland, Alnatura und viele Bäckereien. Einmal gab’s zum Beispiel eine ganze LKW-Ladung Printen. Und dann noch ein paar, die aber nicht genannt werden möchten.“ Denn obwohl Foodsharing legal ist, kämpfen die Lebensmittelretter manchmal noch mit Vorurteilen und Klischeevorstellungen. So sehen sie sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den städtischen „Tafeln“, wo nur registrierte, offiziell Bedürftige sich versorgen dürfen. „Die Tafeln haben viel strengere Richtlinien, was die Lebensmittel betrifft. Manchmal holen wir da Sachen ab, die nicht mehr verkauft werden dürfen, aber noch absolut genießbar sind,“ erzählt Thuy.

Mindesthaltbarkeitsdatum und ­Verbrauchsdatum
Ein großes Anliegen der parteilosen, aber bildungspolitischen Bewegung ist es, die Verbraucher darüber aufzuklären, dass die meisten Lebensmittel noch lange über das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) hinaus bedenkenlos verzehrbar sind, denn das MHD gibt nur an, bis wann die Ware ihre spezifischen Eigenschaften wie Geschmack, Farbe, Konsistenz und Nährwert mindestens behält. Für leicht verderbliche Nahrungsmittel wie Fisch oder Hackfleisch gilt deshalb ein Verbrauchsdatum, nach dem der Verzehr tatsächlich gesundheitsschädlich sein kann. Ein anderes Ziel der Foodsaver ist es, dass Supermärkte sich trauen, nicht nur perfekte, genormte Produkte anzubieten, sondern eben auch krumme Gurken und fleckige Äpfel. Auch international regt sich immer mehr Widerstand gegen diese Verkaufspolitik: In den Niederlanden dürfen Kunden in manchen Läden alle Produkte umsonst mitnehmen, die das MHD überschritten haben und in Frankreich und Tschechien müssen Supermärkte unverkaufte Lebensmittel per Gesetz spenden. Eine aktuelle Online-Petition fordert genau dies auch für alle anderen EU-Länder.

Ist Containern Diebstahl?

Darauf möchte Christian nicht warten. Er betreibt die Facebook-Seite „Aachen containert“ und kennt sich in der Szene aus. Rein rechtlich betrachtet ist das Containern verboten: Müll ist Eigentum, das zu entwenden ist Diebstahl. „Allerdings ist kaum zu vermitteln, dass lebensnotwendige Güter in großem Stil wegzuwerfen legal ist, sie zu retten hingegen illegal“ findet Chris. „Entsprechend selten kommt es zu Anklagen, noch viel seltener zu Verurteilungen. Zu groß ist die Sorge der Handelskonzerne, negative Publicity zu bekommen.“ Wegen dieser rechtlichen Grauzone distanziert sich auch die Foodsharing-Initiative offiziell vom Containern, auch wenn es immer wieder Berührungspunkte und Überschneidungen gibt. Das Interesse ist in Aachen jedenfalls groß, zu einer öffentlichen Einführungstour im Oktober kamen rund 85 Teilnehmer und Chris wird immer wieder eingeladen, Vorträge und Workshops zu halten. Er schätzt, dass zwischen 150 und 500 Leute in Aachen mehr oder weniger regelmäßig containern gehen, also nachts die Müllcontainer der Supermärkte nach essbaren Lebensmitteln durchsuchen. „Oft findet man viel mehr, als man tragen kann. Ich habe schon mal ein Jugendcamp mit 130 Teilnehmern und Teilnehmerinnen fast nur aus der Tonne bekocht,“ erzählt er. War das nicht riskant? „Nein, gefährlich kann das Con-tainern nur sein, wenn man die geretteten Lebensmittel nicht gründlich säubert, Produkte mitnimmt, wo die Kühlkette wichtig ist, oder wenn ein Rückruf der Grund für das Wegwerfen ist.“

Wenn also demnächst nach der Party noch jede Menge Leckeres übrig ist: erstmal ab ins Internet – und dann alles „fairteilen“!  \

Ohne Plastik
Im Mai eröffnet Melanie Budde in der Elisengalerie ihr Geschäft „UnverpACktes Glück – Tütenlos in Aachen“, dort können Lebensmittel und Non Food-Artikel ohne Verpackung gekauft werden, geplant ist auch eine Café-Ecke für Workshops und Veranstaltungen.  \

Best before
Das Mindesthaltbarkeitsdatum zeigt an, bis wann ein Lebensmittel mindestens haltbar ist –  das englische „best before“ trifft es eigentlich besser – , viele sind deutlich länger völlig in Ordnung und genießbar. Medikamente haben allerdings ein Verfallsdatum und sollten danach tatsächlich nicht mehr verwendet werden.  \

Mehr Infos gibt’s hier.