Zum fünften Mal finden in Aachen vom 28. März bis 14. April die "Jüdischen Kulturtage" statt. Ein Blick in eine verborgene Kultur.

Von Christina Rinkens

Die jüdische Kultur ist oftmals eine, die sich für die Allgemeinheit in Deutschland nur im Verborgenen abspielt. Unscheinbar könnte man sie auch nennen. Die Last der Geschichte, alltäglicher, vielerorts wieder erstarkender und offen gezeigter Antisemitismus. Mit den „Jüdischen Kulturtagen Rhein-Ruhr“ wird alle zwei Jahre der jüdischen Kultur ein Raum geboten. Und sie zeigt sich, wie sie ist: modern, innovativ und ganz und gar nicht unscheinbar.

Fährt man nach Paris, so findet man zahlreiche koschere Supermärkte, jüdische Restaurants und Cafés, ja ein ganzes Viertel, der Marais. Natürlich rund um die Uhr polizeigeschützt. Aber doch präsent, inmitten der Stadt. In Aachen sucht man Orte, die den jüdischen Alltag zeigen, vergebens. Dabei ist das Zentrum der jüdischen Gemeinde mitten drin, mitten in der Stadt.

Seit 1995 ist die neu gebaute Synagoge der Mittelpunkt für ungefähr 1.300 Mitglieder der Gemeinde – und zugleich auch ihre Heimat. Die orthodox ausgerichtete Gemeinschaft hat nicht nur eine eigene Bibliothek, sondern auch einen zugehörigen Verein, der dem Makkabi angehört, dem jüdischen Turn- und Sportverband in Deutschland. Außerdem gibt es einen Chor, Kinder- und Jugendgruppen und einen Seniorentreff.

In direkter Nachbarschaft der Synagoge liegt die Promenadenstraße mit ihren Kneipen, türkischen Lebensmittelläden und Shishabars. Eine brisante Lage. Unschöne Zwischenfälle gibt es, eine regelmäßige Polizeiüberwachung auch. Friedrich Thull, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Aachen, erinnert bei der Frage nach der Lage aber gerne an den historischen Wert des Platzes.

Genau hier stand die ehemalige Synagoge der jüdischen Gemeinschaft – bis diese am Morgen des 10. November 1938 in Brand gesetzt wurde. „Sicherlich gibt es schönere Lagen in Aachen“, sagt Thull und erinnert vor allem an die Nähe zum Problemfall Bushof. „Wir hoffen aber, dass sich die Situation durch die neuen Pläne deutlich verbessern wird.“ Und er sagt auch: Es ist machbar. Und das seit über 20 Jahren. Das multikulturelle Zusammenleben. Das Aufeinandertreffen von Kulturen, die allesamt letztlich eines eint: Dass sie von Menschen gemacht und belebt werden. Und dass das Zuhause dieser Menschen Aachen ist.

Das Motto der diesjährigen Kulturtage passt deshalb ziemlich gut: „Zuhause – Jüdisch. Heute. Hier.“ Denn Zuhause, das ist ein Ort, an dem man sich sicher fühlt, an dem es friedlich ist, an dem einem Anerkennung und Toleranz entgegengebracht werden. Dass dies mit dem Motto der Kulturtage transportiert wird, das finden auch die verantwortlichen Aachener Organisatoren wichtig, der Landesverband der jüdischen Gemeinden und die jüdische Gemeinde Aachen ebenso wie der städtische Kulturbetrieb und Aachens politische Vertreter.

Zusammen stark
Die „Jüdischen Kulturtage Rhein-Ruhr“ finden dieses Jahr zum fünften Mal statt. Zum fünften Mal ist Aachen dabei, seit Beginn an engagiert man sich für die Kulturveranstaltung, an der diesmal 15 Städte zwischen Rhein und Ruhr teilnehmen. Pläne, die Regelmäßigkeit auszubauen, gibt es auch. So ist ein jährlicher der Turnus durchaus denkbar. Bürgermeisterin Hilde Scheidt sagt: „Dass Aachen als Stadt dabei ist, ist für uns eine ganz große Selbstverständlichkeit und Freude. Ein wichtiges Zeichen, dass wir für das Miteinander und das jüdische Leben in Nordrhein-Westfalen einstehen.“

Schaut man sich in Aachen genau um, so wird vor allem in den letzten Jahren viel gemacht, um an die Vergangenheit zu erinnern. Seit 2008 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig auch in Aachen „Stolpersteine“. Erst im Februar wurden vor den Häusern Thomashofstraße 15 und 17 mehrere Steine verlegt, die an ehemalige Spieler von Alemannia Aachen erinnern, die aufgrund ihres jüdischen Glaubens zur Zeit des Nationalismus aus dem Verein ausgeschlossen wurden und von denen einige später in den Konzentrationslagern getötet wurden. Die Geschichte von Max Salomon und die Hintergründe der Alemannia zwischen 1933 bis 1945 wurden erst durch eine Ausstellung im Internationalen Zeitungsmuseum vor zwei Jahren der Öffentlichkeit bekannt.

Jetzt, hier
Es gibt viele Projekte, mit denen erinnert wird. Auch in Aachen. Aber auch Friedrich Thull ist eines besonders wichtig: „Unser Schwerpunkt, auch der der „Jüdischen Kulturtage“, soll nicht auf nur auf der Erinnerungskultur liegen, sondern auf dem aktuellen jüdischen Leben. Es gibt eine natürliche Verbindung zur Vergangenheit, auf die man nicht verzichten kann, ja. Aber es soll alles normal ablaufen.“ Umso besser also, wenn jüdische Einflüssen auf die zeitgenössische Kultur im Vordergrund stehen. So bringen die „Jüdischen Kulturtage“ für zwei Wochen insgesamt zehn Veranstaltungen in die Stadt. Gekrönt von einem Begegnungsfest auf dem Synagogenplatz am 14. April, zu dem alle eingeladen sind.

Wie erinnert und modernes Leben gestaltet werden kann, das zeigt auch das urbane Gartenprojekt „Hirschgrün“ im Suermondt-Viertel. Denn was viele nicht wissen: Der Name des Gemeinschaftsgartens erinnert an Fredy Hirsch, Aachener und lange in der Richardstraße 7 wohnhaft. Fredy Hirsch hat durch seinen heldenhaften Einsatz zahlreichen Kindern und Jugendlichen das Überleben gesichert. Wer mehr über ihn wissen möchte, sollte sich den Abend für Fredy Hirsch am 3. April merken. Aber das Projekt zeigt: So kann auf urbane und moderne Weise gezeigt werden, wie Zusammenleben funktioniert. Ohne zu vergessen.

Letzte Frage an Herrn Thull: Warum gibt es eigentlich kein jüdisches Restaurant in Aachen? „Nun ja, mit 1.300 Mitgliedern machen wir weniger als ein Prozent der Aachener Bevölkerung aus. Da müssten wir aber alle sehr oft essen gehen, damit sich ein solches Restaurant lohnen kann, das kann man doch nicht von uns verlangen“, lacht er. Es müssten eben alle Aachener hingehen. Ein erster Schritt wäre der Gang zum Begegnungsfest am 14. April. Dort gibt es übrigens nicht nur Live-Musik, sondern auch einen Food Truck. Mit koscherem Essen. Der perfekte Ort für ein Techtelmechtel*.

*Techtelmechtel: Nicht genau belegbar, aber vermutlich aus dem Jiddischen entwickeltes Reimwort. Es leitet sich wahrscheinlich vom jiddischen tachti ab, was so viel wie heimlich bedeutet. Der zweite Teil mechtel ist wohl einfach nur ein Reim auf techtel.