Was macht Aachen attraktiv? Aushängeschilder wie der malerische Weihnachtsmarkt, der Dom oder eine große Shoppingmall reichen nicht.

Von Silke Schneider

Seit Anfang Oktober fordert eine Online-Petition die Rückkehr zu einer lebens- und liebenswerten Stadt mit kleinteiliger Geschäftsstruktur, die Initiative Aachen erstellt eine entmutigende Gewerbeimmobilienanalyse. Eine kurzfristige Änderung der Situation scheint aber nicht in Sicht.

Vorweihnachszeit, die wichtigste Zeit für den Einzelhandel. Liebevoll dekorierte Schaufenster, ein beschaulicher Bummel, überall verlockende Angebote … leider nein. Aachen ist geprägt von Leerstand und verkommenden Straßenzügen. Ganz Aachen? Nein! Ein paar von unbeugsamen Einzelhändlern bevölkerte Sträßchen hören nicht auf, Widerstand zu leisten. Das mag überspitzt klingen, tatsächlich aber ist die Situation besorgniserregend. Ob Dahmengraben, kleine Adalbertstraße, der Bereich um Büchel und das ehemalige Lust for Life – überall verrammelte Fronten und der Geruch nach Urin.

In einem offenen Brief an Oberbürgermeister Marcel Philipp warnte schon 2013 Horst Schnitzler im Namen der Bürgerinitiative „Kaiserplatzgalerie – Nein danke!“ vor einer „Verödung der City mit viel neuem Leerstand durch einen marktradikalen Verdrängungswettbewerb“. Leider ist genau dies eingetroffen. Mit den Stimmen von CDU, SPD, Grünen und FDP wurden 2009 die Bebauungspläne für das Aquis Plaza – damals noch Kaiserplatz-Galerie – zahlreichen Protesten und Einwänden von Seiten der Bürgerschaft zum Trotz durchgewunken.

Ellen Begolli, personalpolitische Sprecherin der Linken im Rat der Stadt, Gewerkschafterin und langjährige Betriebsrätin im Einzelhandel, ist überzeugt, dass Malls nicht das Einkaufskonzept der Zukunft darstellen. Diese seien so konzipiert, dass die Kunden das Gebäude möglichst nicht verlassen. Das Argument, das Aquis Plaza würde auch den benachbarten Einzelhandel beleben, war für sie von Anfang an nichtig. „Kleinteiligkeit, individuelle Geschäfte wie in Maastricht oder hier in der Annastraße wäre besser gewesen, es gab ja Pläne dafür.“ Sie ist der Meinung, dass das Aquis Plaza für Aachen überdimensioniert ist. Im Vorfeld wurden von Seiten der Befürworter etwa 30.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche kommuniziert, wohl wissend, wie missverständlich das war, denn die Flächen für Laufwege, Sanitärräume oder Dienstleister wurden dabei nicht berücksichtigt: Das Aquis Plaza hat ingesamt eine Fläche von rund 50.000 Quadratmetern.

Eine Untersuchung in 60 Städten ergab, dass meist nur die Center selbst profitieren und die Innenstädte leiden. Bestätigt wird dies durch eine aktuelle Analyse des gewerblichen Immobilienmarkts der „Initiative Aachen e.V.“, eines politisch neutralen und unabhängigen Bürgervereins. Demnach mussten in den letzten zwei Jahren ganze Straßenzüge – etwa der Dahmengraben, die „kleine“ Adalbertstraße und fast der komplette Grabenring – herabgestuft werden und entsprechen mit unter 15 Euro Quadratmetermietpreis nicht einmal mehr einer „2er-Lage“.

Natürlich ist nicht nur das Aquis Plaza schuld an dieser Entwicklung, außer dem kräftig wachsenden Online-Handel produzieren laut Ellen Begolli auch die beiden Aachener Großinvestoren Hermanns und Sauren den Stillstand. „Sie müssten zum Wohl der Gesellschaft und nicht zur Gewinnmaximierung verpflichtet sein,“ findet sie, „Leerstand sollte außerdem vom Gesetzgeber sanktioniert und nicht vom Steuergesetz begünstigt werden.“ Denn solange Investoren Leerstand durch Abschreibungen der Verluste mit anderen Einkünften verrechnen können, fehlt ihnen der Anreiz, ihre Immobilien günstiger zu vermieten und damit die Umgebung der Läden wieder atraktiver zu machen.  \

Allgemeinwohl
Im Grundgesetz (Artikel 14 Absatz 2) heißt es: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. In Aachen regt sich immer mehr Widerstand gegen den Verdrängungswettbewerb, den Leerstand und den Abriss von intakten Häusern.  \